Wenn die Kennzahl zum Ziel wird – eine kleine Parabel über KPI und Wirksamkeit

Wenn die Kennzahl zum Ziel wird – eine kleine Parabel über KPI und Wirksamkeit
Eine Kennzahl kann steigen, ein Ziel kann als erreicht gelten – und trotzdem kann der eigentliche Erfolg ausbleiben.
Warum?
Weil das, was leicht messbar ist, nicht immer das ist, was wirklich zählt.
Dazu drei Beispiele aus völlig unterschiedlichen Welten.
Sun Tzu: Die Schlacht ist nicht der Krieg
Sun Tzu schreibt in Die Kunst des Krieges sinngemäß:
„Hundert Schlachten zu gewinnen ist nicht die höchste Kunst. Die höchste Kunst besteht darin, den Widerstand des Gegners zu brechen, ohne zu kämpfen.“
Der Gedanke dahinter ist einfach:
Die gewonnene Schlacht ist nicht das eigentliche Ziel.
Man kann eine Schlacht gewinnen und trotzdem den Krieg verlieren.
Und damit sind wir schon mitten im Thema Kennzahlen.
Vietnam: Wenn die Zahl zum Erfolg wird
Ein makabres Beispiel liefert der Vietnamkrieg.
Auf amerikanischer Seite wurden unter anderem Body Counts, Kill Ratios und die Zahl „befriedeter“ Dörfer als Kennzahlen für militärischen Erfolg verwendet. Die Zahlen sollten zeigen, dass der Gegner geschwächt wurde und der Krieg erfolgreich verlief. Das U.S. Naval History and Heritage Command beschreibt diese damalige „success offensive“ ausdrücklich.
Das Problem war nicht unbedingt, dass die Zahlen falsch waren.
Das Problem war:
Sie konnten eine Frage beantworten, die nicht identisch mit der eigentlichen strategischen Frage war.
Viele getötete Gegner sind eine messbare Größe.
Aber sie beantworten nicht automatisch die Frage:
Ist das strategische Ziel erreicht?
Die Tet-Offensive von 1968 zeigt diese Diskrepanz besonders deutlich: Militärisch erlitten die kommunistischen Kräfte schwere Verluste. Gleichzeitig hatte die Offensive erhebliche psychologische und strategische Auswirkungen und schwächte die Unterstützung für den Krieg in den USA.
Eine Kennzahl kann also durchaus korrekt sein und trotzdem ein unvollständiges Bild des Erfolgs liefern.
Goodhart: Wenn die Kennzahl selbst zum Ziel wird
Genau hier passt Goodhart's Law:
“When a measure becomes a target, it ceases to be a good measure.”
Sinngemäß:
Wenn eine Messgröße zum Ziel wird, verliert sie ihre Eignung als gute Messgröße.
(Ursprünglich wurde der Gedanke vom britischen Ökonomen Charles Goodhart 1975 im Zusammenhang mit der Geldpolitik formuliert. Die heute bekannte Formulierung wurde 1997 von der Anthropologin Marilyn Strathern verallgemeinert.)
Das Problem entsteht, wenn aus
„Wir messen X, weil X etwas über unseren Erfolg aussagt.“
unmerklich wird:
„Wir müssen X erreichen, weil X unsere Kennzahl ist.“
Dann verändert sich das Verhalten.
Ein Beispiel aus der Softwareentwicklung
Nehmen wir an, ein Unternehmen möchte die Produktivität seiner Softwareentwickler messen.
Die Kennzahl lautet:
Anzahl geschriebener Codezeilen pro Monat.
10.000 Zeilen sind besser als 5.000.
Oder?
Natürlich nicht unbedingt.
Guter Softwarecode zeichnet sich nicht dadurch aus, möglichst umfangreich zu sein.
Im Gegenteil:
- weniger Code kann einfacher zu warten sein,
- unnötiger Code erhöht die Komplexität,
- redundanter Code kann Fehler verursachen,
- eine gute Lösung kann darin bestehen, 10.000 Zeilen auf 2.000 zu reduzieren.
Wenn aber die Anzahl der Codezeilen zur Leistungskennzahl und gleichzeitig zum Ziel wird, entsteht ein bemerkenswerter Effekt:
Der Entwickler hat einen Anreiz, mehr Code zu produzieren – nicht unbedingt bessere Software.
Die Kennzahl steigt.
Der eigentliche Nutzen muss deshalb noch lange nicht steigen.
Und genau hier liegt die Parallele zu Managementsystemen
Das gleiche Muster findet sich auch in Qualitätsmanagement, Informationssicherheit und Compliance.
Man kann beispielsweise
- 100 % der Mitarbeiter schulen,
- 100 % der Maßnahmen abschließen,
- 100 % der Backups durchführen,
- 100 % der Risiken bewerten
und trotzdem das eigentliche Ziel verfehlen.
Nicht weil diese Kennzahlen schlecht sind.
Sondern weil sie nur einen Ausschnitt der Realität beschreiben.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Ist unsere Kennzahl grün?“
Sondern:
„Was wissen wir tatsächlich, wenn sie grün ist?“
Der kleine Gedanken-Happen zum Schluss
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Fragen beim Aufbau eines KPI-Systems:
Wenn unsere Kennzahl morgen 100 % erreicht – woran erkennen wir, dass wir dadurch tatsächlich besser geworden sind?
Denn:
Eine gewonnene Schlacht ist nicht automatisch ein gewonnener Krieg.
10.000 Zeilen Code sind nicht automatisch bessere Software.
100 % umgesetzte Maßnahmen sind nicht automatisch wirksame Maßnahmen.
Und deshalb:
Nicht die Kennzahl ist das Ziel.
Die Kennzahl soll uns helfen zu erkennen, ob wir dem Ziel näherkommen.
Oder noch kürzer:
Wer die falsche Kennzahl optimiert, kann erfolgreich sein – und trotzdem das Ziel verfehlen.




